Am Ende der Welt oder auf der Varanger Halbinsel 09.08.-13.08.

Veröffentlicht am 16. August 2026 um 15:54

In den letzten Tagen hatte ich das Gefühl, dass alle nur ein Ziel haben – das Nordkap. Seien es die drei Fahrradfahrer aus der Schweiz, die von Stockholm aus ans Nordkap fahren (irre!) oder die beiden Franzosen, die eine Fotosafari durch Europa, u.a. mit dem Ziel Nordkap unternehmen. Ich finde es immer wieder spannend auf meinen Touren interessante Leute kennenzulernen…

Am Sonntagmorgen geht es für mich auch nach Norwegen, aber nicht ans Nordkap, das lasse ich im wahrsten Sinne des Wortes links liegen, sonst hätte ich nämlich links abbiegen müssen :) Neben den Rentieren auf der Straße muss ich auch die Fahrradfahrer beachten, denn es findet das jährliche Rennen von Italien zum Norkap statt, die FahrerInnen sind am 25.07. in Rovereto gestartet (das ist noch viel verrückter!). Ich fahre bei schönstem Wetter durch die einmalige Landschaft und halte dann das ein oder andere Mal an, die Ausblicke sind einfach genial. Zuvor bin ich ständig durch Wälder und an Seen entlanggefahren. Nach 50 Kilometern in Norwegen ändert sich die Landschaft komplett und manche Berge sehen so aus, als wären sie nicht mehr auf dieser Welt. Ziel ist Berlevåg, ein kleiner Fischerort, hier ist wirklich nichts los und scheinbar gibt es hier mehr Möwen als menschliche Einwohner. Das ist wirklich das Ende der Welt!

Am nächsten Tag heißt es natürlich wieder die Wanderschuhe zu schnüren und das Bergchen (Tanahorn 266 Meter) vor der Haustür zu besteigen. Es müssen aber nicht die Gewalttouren sein, die klasse sind, denn hier gibt es ein tolles Farbenspiel am Himmel, das Wetter scheint heute häufig zu wechseln. So richtig nass werde ich zum Glück nicht, aber an die niedrigeren Temperaturen (13-14 Grad) muss ich mich noch gewöhnen, wenn die Sonne scheint, dann erscheint es oft wärmer, wenn der Wind weht, dann um einiges kälter. Mit meinem norwegisch bin ich noch nicht weit gekommen, in der Tankstelle bestellte ich einen Hot-Dog und eine Cola, nach einer Gegenfrage wechselte das Gespräch dann auf Englisch :) Ich finde einen mega Campingspot direkt am Meer, hier gibt es zudem die beste Pizza Norwegens (das kann ich jetzt schon behaupten, denn diese hier ist von ausgewanderten Italienern! Mit den Besitzern Elena und Fabio schnacke ich noch eine ganze Weile. Wie lieb die beiden waren und ich habe an diesem Abend noch mehr über Norwegen aus der Einwandererperspektive erfahren. Ich finde es immer wieder erstaunlich, dass ich an manchen Tagen kaum mit Leuten ins Gespräch komme (evtl. weil die das nicht wollen oder ich nicht so kommunikativ bin), an anderen Tagen quasi nur mit Leuten schnacke. Selbst die Finnen werden in Norwegen redselig, wie witzig!

Für mich geht es heute zum Wasserfall Nattfjell (18 Kilometer Strecke insgesamt), ich hatte ein wenig Bedenken in diesem Nationalpark zu wandern, denn es hieß, dass die Wege unmarkiert sind und man auf jeden Fall mit Kompass und Karte unterwegs sein muss. Ich überprüfe mich immer mit meiner Bergfex-App (da sieht man eingezeichnete Wege und den eigenen Standort). Der Weg war allerdings gut sichtbar, da ausgetreten, nur auf dem Berg musste man sich den Weg schon selbst suchen. Die Sicht ist einfach genial, häufig fehlen mir hier die Worte. Das Wetter ist total wechselhaft, als gäbe es vier Jahreszeiten an einem Tag, was sich nach der Wanderung wieder bestätigt, denn ich sehe einen Regenbogen. Ich fahre wieder in den Norden und zwar nach Hamninberg, dieser Weg ist nicht von dieser Welt. Erst geht es durch kleine Dörfer auf denen auch mal Schafe über die Straße laufen und dann folgt ein Südseestrand nach dem anderen, in Kombination mit rauer Felswand. Weiter nördlich ist jetzt nur noch die Barentsee. Passend dazu passt der Soundtrack zu „Into the wild“ den ich dann höre. Den dritten Abend in Folge lasse ich mit einem kleinen Spaziergang ausklingen, da muss ich mich mittlerweile aber warm anziehen, denn mit Wind fühlen sich die 10 Grad nur noch wie 6 Grad an!

Am 12.08. – ich weiß, Schulbeginn – fahre ich mehr durch die Gegend, um Sightseeing zu betreiben. Auf der Fahrt zurück nach Vardø muss ich ständig anhalten, um die einmalige Landschaft fotografisch festzuhalten. Vardø ist übrigens der östlichste Ort Norwegens und der einzige in der arktischen Klimazone. Um auf die Insel zu kommen fahre ich durch einen Tunnel. Zuerst geht es zum Leuchtturm, auf dem Weg dorthin wächst ein Meer aus Moltebeeren. Danach geht es zum Hexenmahnmal. Hier brennt eindrucksvoll für jedes Opfer der Hexenverbrennung ein Licht und es wird genau aufgeführt, sofern dies aus den Akten ersichtlich ist, was derjenige getan hat, wer ihn angezeigt hat und wie er ermordet wurde. Vardø selbst ist ein wenig kurios, denn auch der Ort scheint teils vom Aussterben bedroht, einige Geschäfte stehen leer, Häuser sind verlassen und auch die Möwen haben diesen Ort scheinbar wieder eingenommen. Aber es gibt auch viel Kunst im Ort, sei es das Wikinger-Skelett oder diverse Holzfiguren. Scheinbar scheint es so, als würde sich nun ein Ritual entwickeln, denn ich gehe den dritten Abend in Folge spazieren, trotzdem darf auch ein Kneipenbesuch nicht fehlen. Es gibt hier schließlich die nördlichste Brauerei des norwegischen Festlands, die seit 1864 ununterbrochen geöffnet hat. Tromsø reklamiert ja, dass sie die nördlichste Brauerei haben. Ein kleines Bier kostet übrigens 145 NOK (ca. 13€), da hätte ich mich in Riga ordentlich betrinken können. Da habe ich beim WM-Finale in einer lokalen Kneipe für ein großes und kleines Bier und ne Cola 8€ bezahlt :)

Am 13.08. – nein, kein Freitag, scheint das Motto zu sein „Der Weg ist das Ziel“. Zuerst halte ich auf einem sehr stylischen Rastplatz und habe noch einmal einen guten Blick auf Vardø. Das Wetter spielt soweit mit, dass es sonnig ist, aber es sind heute nur 6 Grad! Auf dem Weg zum Wanderweg verfahre ich mich erstmal, bei den Schotterstraßen gar nicht so witzig, denn es gibt mega viele Schlaglöcher, die man schon gar nicht mehr als Löcher bezeichnen kann. Ist das noch eine offizielle Straße oder kommt hier der ADAC noch vorbei? So bin ich gut auf Temperatur als ich auf dem Parkplatz ankomme. Die Landschaft ist wirklich atemberaubend, denn so tief war ich bisher noch nicht innerhalb des Nationalparks. Der Handyempfang funktioniert hier nur noch für Notrufe. Es weht ein kräftiger Gegenwind und so werden die letztendlich ca. 15 Kilometer dann doch etwas anstrengend, vor allem, da ich im letzten Drittel kleinere Bäche überspringen darf (teils wenig erfolgreich) bzw. durch eher sumpfiges Gebiet marschiere. Irgendwann kehre ich um, wer hat schon das Ziel zu einer Hängebrücke zu gehen und dann wieder umzukehren?! Das ist immerhin der Vorteil einer Streckenwanderung, man kann immer wieder umdrehen, wenn man mag, bei einer Rundtour sieht das ganz anders aus! Ich fahre dann noch zum Vogelfelsen in Ekerøy, irre, wie viele Möwen hier herumfliegen, es ist total laut. Auf dem Campingplatz schnacke ich abends noch mit meinen polnischen Nachbarn aus Danzig, die auch noch ins Baltikum fahren, wie witzig.

Ein kleines Zwischenfazit:

In den letzten Tagen wurde ich immer wieder gefragt, ob ich etwas vermissen würde und ob mir klar wäre, dass die Schule nun wieder beginnt. Tatsächlich vermisse ich nichts! Ich weiß, dass die Schule wieder beginnt, aber so ganz realisiere ich nicht, dass ich da gerade nicht mehr mitmische. Ich stelle im Sommer immer wieder fest, dass wir uns viel zu häufig in geschlossenen Räumen aufhalten, ich finde es total toll in der Natur zu sein! Gut, mit dem Wetter habe ich gerade so viel Glück wie selten, ich kenne es sonst auch, dass mindestens 2 von 3 Paar Schuhen nass sind und ich gerade mal eins habe, was ich anziehen kann. Ich erfreue mich daran morgens aufzuwachen und mit Blick aus dem Fenster immer wieder auf eine neue Landschaft zu blicken, sei es auf einen See, das Meer oder im Wald zu stehen. Was mir an dieser Reise besonders gefällt ist, dass ich Bekanntes wieder erlebe, Orte wiederentdecke oder mich auch für Neues begeistern kann.


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