Pläne sind da, um sie umzuschmeißen! So ist es auch am Mittwochmorgen, eigentlich hatte ich noch vor, 2 Tage in Kilpisjärvi zu bleiben und zur norwegischen Goldahytta zu wandern, um dort zu übernachten. Der Nebel hängt so dicht über dem Tal und ich warte fast 2 Stunden, es ändert sich nichts. Die Wettervorhersage verheißt die nächsten 2 Tage Nebel. Mein Gefühl sagt mir „lass es“, der Weg soll um einiges anspruchsvoller sein als auf finnischer Seite (Flussquerungen und eher über die Berge gehen) und mit meinem schweren Rucksack ist das dann nicht ganz so einfach. Es ist schade, aber auch in Ordnung so, ich will hier irgendwie nichts erzwingen. Also fahre ich unverrichteter Dinge wieder nach Norwegen, immerhin nicht so ganz, denn ich kaufe noch wie Richy Rich im finnischen Supermarkt ein (es gibt Gurken für 1,70€ und nicht für fast 4€ :)).
Auf der nebeligen Fahrt nach Senja entdecke ich auf der Insel ein menschliches Vogelhaus, das will natürlich entdeckt werden. Wie praktisch, dass der Campingplatz direkt gegenüber meiner nachmittäglichen Wanderung liegt. Das herbstliche Farbenspiel ist auf Senja noch nicht ganz so stark, das liegt wahrscheinlich auch daran, dass es hier auch einige Kiefern und nicht nur Birken gibt. Es werden dann doch wieder 12 Kilometer Schlammschlacht. Zu Beginn ist es wirklich ein Premiumweg, teils ausgestreut mit Rindenmulch vielen Boardwalks, um die Nassstellen zu überwinden, nach der Hälfte des Weges ist damit Schluss. Mittlerweile scheint sich die Qualität der Wanderung dadurch auszuzeichnen, dass ich am Ende klatschnass, dreckig und glücklich bin :) Es gibt am See Åndervatnet sogar eine offene Hütte mit Betten, das Feuerholz hätte man zu Beginn des Weges selbst schleppen dürfen – das wäre gar nichts für mich gewesen, wenn man meinen Verbrauch am Haldetoppen bedenkt. Ich hätte bestimmt noch 5 Kilo Feuerholz mitschleppen müssen.
Am Donnerstag besteige ich in Rødsand den 239 Meter hohen Tonnerten, es zeigt sich, dass ich mich gar nicht immer so quälen muss, denn der Aufstieg ist ziemlich leicht, trotzdem vielseitig und nur 1,4 Kilometer lang. Ich habe einen tollen Ausblick auf den Fjord und den naheliegenden Berg. Trotzdem kann ich es wirklich nicht lassen, mittags kann ich ja noch nicht die Füße stillhalten, sodass ich dann noch eine ca. 8 Kilometer lange „Strandwanderung“ mache. Hier kann ich sogar auf die nächste Inselgruppe, die Vesterålen, blicken. Schon irre, dass an einem weißen Sandstrand Schafe stehen und die Farbe des Wassers von dunkelblau bis türkis reicht. Es sieht schon fast karibisch aus, wenn man sich den Kiefernwald mit der unendlichen Heidelandschaft im Hintergrund wegdenkt und sich einfach bei 8 Grad und Wind muckelig warme Gedanken macht :)
Es ist gar nicht so leicht, sich jeden Tag immer wieder neu zu überlegen, was ich denn so machen möchte. Klar, wandern, aber wo genau? Da helfen mir meine Wanderführer mittlerweile kaum mehr weiter, sodass ich die norwegische App „ut.no“ abgrase. Hier gibt es teils detaillierte Beschreibungen und viele Fotos oder das komplette Gegenteil. An diesem Freitag gilt eine Sturmwarnung für den Nordteil der Insel, sodass ich dann doch noch lieber im Süden bleibe und eine wirklich schöne Tour auf den 466 Meter hohen Skatvikfjellet erleben darf (ein Weg 4,12 Kilometer). An diesem Tag begleitet mich sehr lange ein Regenbogen, an dem ich mich nicht satt sehen kann, ich muss mich immer wieder umsehen und erfreue mich an den neuen Perspektiven. Sehe weitere kleine Inseln, Strände und kann immer mehr die spektakulären Berge ringsum entdecken. Auch der Weg führt zunächst durch kleinere Birkenwälder, also richtig Wald würde man das in Deutschland nicht mehr nennen, die Birken sind teils so klein, dass sie eher an Sträucher erinnern. Danach gibt es ziemlich steinige Passagen und ich gehe auch über Granitfelsen, die zum Glück nicht glatt sind. Irgendwann muss ich sogar ein wenig klettern, aber das ist alles noch im Rahmen. Auf dem Gipfel weht natürlich ein frischer Wind, sodass ich nur kurz die Aussicht genießen kann. Meist ist es aber der Weg, der mich begeistert als der Gipfel an sich. Klar, ist der Rundumblick noch einmal genialer, aber mehr gibt es hier einfach nicht, keine Hütte oder Unterstand. Nachdem ich nach langer Zeit nun mal wieder tanken musste (was für eine Preisentwicklung, in Nord Norge hat Diesel teils nur 1,80€ gekostet, befinden wir uns nun bei 2,50€ - das ist eigentlich merkwürdig, da die Preise im Norden sonst immer höher waren, bleibt zu hoffen, dass sich das bald wieder ändert) gibt es noch einen kleinen Schock auf dem Campingplatz. Ich sollte gerne auf der Zeltwiese stehen, das ist total nett, da ich dann nicht so viel bezahlen muss und auch nicht immer Strom brauche, aber bis zur Wiese schaffe ich es gar nicht! Auf dem Weg dorthin fahre ich mich fest, Glückwunsch! So viel wie dieses Jahr passiert mir sonst irgendwie nicht. Stan, der Campinghost, versucht mich erst mal mit seinem 4x4 Peugeot herauszuziehen, da bewegt sich aber kaum was. Dann kommt er mit seinem Mini-Bagger zur Hilfe. Was für ein Erlebnis!
So langsam wird es immer frischer, klar sind es tagsüber oft 10 Grad, aber morgens mittlerweile eher so 7, nachts durchaus nur noch 3 Grad. Heute, am Samstag, sollte das Wetter bereits morgens sonnig sein, davon sehe ich bis zum frühen Nachmittag in Fjordgård noch so gar nichts. Es ist bewölkt und etwas nebelig und auf der Wanderung zum Barden peitscht mir manchmal auch ein feiner Nieselregen um die Ohren. Auf der insgesamt 7 Kilometer Tour auf den 659 hohen Gipfel laufe ich zunächst noch durch den Ort, bevor es durch ein Moorgebiet geht, zum Glück gibt es hier 1a Bohlenwege. Irgendwann steigt der Weg weiter durch einen kleinen „Birkenwald“ an, vor mir fliegen Moorschneehühner davon (das musste ich natürlich recherchieren, denn eigentlich kenne ich mich mit Flora und Fauna nicht so wirklich gut aus). Danach stehe ich vor einer Wand, aha, da will ich also hoch? Naja, meist sieht es ja von unten irgendwie schlimmer aus, nach der Schlammschlacht wird es also mal wieder steinig und ich muss noch mehr klettern als gestern. Der Weg führt häufig direkt am Abgrund entlang, sodass ich die Aussicht auf den durch Instagram bekannten Segla immer weniger genießen kann. Ich würde mich schon als schwindelfrei bezeichnen, aber wenn es neben dir 200-300 Meter runter geht, dann schaust du eben nur auf den Weg. Oben angekommen bietet sich ein unglaubliches Panorama! Eigentlich war der Plan den Berg auf einer anderen Seite abzusteigen und Richtung Segla zu wandern bzw. diesen auch noch zu besteigen. Der Weg verschwindet im Nebel, dann gehe ich mal lieber meinen bekannten Weg zurück und denke mir unten, dass das ne ganz schöne Aktion war :) Ich hätte es mir natürlich leicht machen können, indem ich den beliebten und einfach zu gehenden Hesten hinaufgestiegen wäre, dieser Weg kommt allerdings einer Wanderautobahn gleich. Im Anschluss geht es mal wieder durch einige einspurige Tunnel, bei einem kommt mir ein Linienbus mit Fernlicht gefährlich in die Quere, hier ist immer Abenteuer pur! Immerhin kann ich nachmittags noch ein wenig das gute Wetter genießen, denn ein Fjord weiter scheint mal wieder die Sonne, so kann ich noch ein paar schöne Fotos machen und ein wenig abhängen. Bei 10 Grad sitzt übrigens niemand mehr vor seinem Camper.
Halbzeit – es ist Tag 55 – ich kann es gar nicht fassen, dass ich schon so lange unterwegs bin und mich sportlich zu Höchstleistungen motivieren kann. Ich kann mir kaum vorstellen, dass die ganzen Urlauber hier so viel wandern gehen. Mittlerweile habe ich keinen Muskelkater mehr in den Waden, sondern in den Oberschenkeln. Heute scheint die Sonne den ganzen Tag über, auch wenn es nicht warm ist, macht das einen gehörigen Unterschied aus. Ich fahre nur einen Fjord weiter und halte kurz vorher noch an einem weißen Sandstrand und an den Tungeneset an, das wäre ja gar nicht mein Ding immer nur kurz für ein paar Spots anzuhalten und den ganzen Tag durch die Gegend zu fahren. Daher heißt es natürlich, die Landschaft mit den Füßen zu erleben. Ich laufe heute auf den spektakulären Husfjellet (632 Meter, 4 Kilometer zum Gipfel). Die Touren werden zwar gerade kürzer, sind aber durchaus anspruchsvoll und ich weiß, dass ich mich sehr wahrscheinlich wiederhole, aber auch hier ist der Weg wieder einmal matschig, gleicht sogar wieder mal einer Wattwanderung bevor es dann ziemlich felsig wird. Der Ausblick auf die umliegenden Berge, die kleinen Inseln im türkisblauen Meer sind einfach fantastisch! Die Berge laufen spitz zu und auch bei meinem Berg frage ich mich, wie ich da überhaupt hochkommen soll, der letzte Teil zum Gipfel erfordert dann noch einmal einiges an Konzentration, denn auch hier geht es ein paar hundert Meter in die Tiefe. Auf dem Rückweg treffe ich ein norwegisches Pärchen, er kommt aus dem Ort und scheint eine interne Statistik zu führen, indem er alle Entgegenkommenden fragt, aus welchem Land sie kommen und wo sie noch hinmöchten. Er ist schon ziemlich beeindruckt als ich nur kurz andeute, dass ich schon einiges von diesem schönen Land gesehen habe. Mit anderen Norwegern „räume ich kurz vorher noch ein wenig den Berg auf“, denn viele Menschen bilden Steinhaufen, die absolut unnötig sind (irreführende Wege und Bodenerosion). Schon interessant, was alles so auf einer Wanderung passieren kann. Abends kann ich dann sogar den Sonnenuntergang am Hafen genießen, bisher schien entweder nicht die Sonne, bzw. um 1:30 Uhr wollte ich mir diesen auch nicht ansehen! Den Feierabend krönt dann auch noch ein heimatliches Beck`s :)
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