Um 5 Uhr stehe ich bereits auf, damit ich mich gut eine Stunde später in die Schlange zur Fähre stellen kann. Wie viel Glück ich doch habe, denn ich bin das vorletzte Auto, was auf die Fähre kommt. Die nächste wäre erst abends um 20:30 Uhr gefahren. Zudem treffe ich den ersten Norweger der Bremen kennt, klar wegen Werder. Das hatte ich nicht erwartet, dass er sich mit deutschem Fußball auskennt Rune Bratseth und Wolfgang Overath wären seine Lieblingsspieler gewesen. Nachdem ich drei Stunden auf der Fähre lesend verbracht habe, fahre ich zum Saltstraumen, dem größten Mahlstrom der Welt! Unter der Brücke kann man das Wasser ganz schön in seinen Verwirbelungen sehen, aber mich haut das nicht so sehr vom Hocker, vielmehr ist es die Fahrt durch die herbstliche Landschaft. Zunächst noch an Fjorden vorbei, danach wechseln sich Berge und Täler, Sonne und Wolken ab und auch zeigt sich mal wieder ein Regenbogen. So viele Regenbögen wie auf dieser Reise habe ich schon lange nicht mehr gesehen :) In Storfjord an der E6 schlage ich dann auf dem „Campingplatz“ neben der Tankstelle mein Nachtlager auf, das gibt mir echte Truckervibes.
Am Dienstag begrüßt mich zunächst ein strahlend blauer Himmel und nun kann ich den vor mir liegenden 1700 Meter hohen Berg im Junkerdal Nationalpark auch wirklich erkennen. Hinter mir liegt ein 1500 Meter hoher Gipfel, den werde ich nicht besteigen, denn auf gut 8 Stunden Wandertortur habe ich tatsächlich keine Lust. So mache ich es mir leicht und habe morgens einen schönen Herbstspaziergang (5 Kilometer) zu einem Wasserfall, die Blätter fallen im Wind. Im Anschluss fahre ich noch etwas durch die Berge bevor ich dann auch bei „Into the wild“ wehmütig werde, der Polarkreis naht. Ich komme mir vor wie bei den Schti`s, ich will hier einfach noch nicht ankommen und fahre langsamer und halte für das ein oder andere Foto noch an diversen Parkplätzen an. Für mich ist es immer etwas ganz besonderes so hoch oben im Norden zu sein, Landschaft und Leute sind einfach noch einmal anders. Schade, dass ich kein Rentier mehr gesehen habe, im Polarkreiscenter steht ein ausgestopfter Elch (also meiner war definitiv größer). Im Saltfjell Nationalpark laufe ich dann noch am Gletscherfluss entlang, den Gletscher kann ich nur erahnen, wirklich sehen kann ich ihn nicht. Dafür müsste ich auch mit einem Boot über den See fahren, um dann noch weiter zum Gletscher zu wandern. Das Boot fährt nur noch am kommenden Wochenende und auch die nahe gelegene Höhle kann ich seit Mitte August nicht mehr besichtigen. Na immerhin habe ich dann noch Zeit meine Wäsche zu waschen, das passiert ja auch immer noch alles nebenher.
Nebel liegt über dem Fluss, ich stehe früh auf, denn heute ist Inselhopping angesagt, insgesamt nehme ich heute 3 Fähren am Helgelandskysten. Die Sonne zeigt sich recht wenig. Zunächst dachte ich noch einen Berg der syu søstre zu besteigen, aber die sind mir aus der Nähe betrachtet eindeutig zu steil, jeder dieser Gipfel ist gut 1000 Meter hoch. Mein Aussichtsberg der Åkvikfjellet ist nur 293 Meter hoch, aber diesen Gipfel werde ich heute nicht erreichen. So langsam sollte ich mir eine kleine Fahne kaufen und diese dann für meinen persönlichen Gipfel nutzen. Es ist mir heute tatsächlich zu viel Kletterei, wenn es mal schöne spitze Steine wären, dann wäre das kein Problem, aber die ganze Tour besteht aus glatten Felsen, schwer sich da den Weg hoch zu kämpfen, runter zu kommen ist noch eine ganz andere Nummer, ich habe mich da eher auf allen Vieren als auf zwei Beinen bewegt. Es macht daher nur mäßig Lust und als ich an einem kleinen See (ja auf einem Berg) angekommen bin, beschließe ich wieder herunterzuklettern. Ich muss mich danach echt etwas sputen, da es hier keine geöffneten Campingplätze mehr gibt und wild kann ich heute nicht stehen, denn mittwochs habe ich ja meinen Norwegischkurs. Ein wenig crazy, dass alle in Deutschland sitzen, ich hier in Norwegen und wir über Bewerbungsschreiben auf Norwegisch sprechen :)
Am Donnerstag regnet es bis mittags, zu schade, dass ich diese schöne Küstenlandschaft nicht so gut entdecken konnte. Auch heute fahre ich wieder zweimal mit der Fähre bevor es nach Brønnøysund geht. Der Ort markiert die Mitte zwischen dem Kap Lindesnes ganz im Süden und dem Nordkap. Nachdem ich kurz durch den Ort schlendere (im Supermarkt gibt es hier Brot von Bodø Glimt – warum?) und eigentlich zur Touriinfo möchte, die jedoch unerklärlicherweise geschlossen hat, fahre ich zum nahe gelegenen Torghatten. Das Loch im Berg kommt natürlich von einem wütenden Troll, wie es so viele Geschichten über die Berge und Felsen in Norwegen gibt. Die Tour gleicht eher einem Spaziergang, denn es wurden Sherpatreppen gebaut, früher ging der Weg eher durch das Gebüsch und durch matschige Steinwege. Veränderungen können ja auch mal ganz positiv sein :) Es geht also um den Berg und durch ihn hindurch, das hat man ja auch nicht alle Tage, vor allem die Aussicht auf die Küstenlandschaft, sobald man durch das Loch blickt, ist einfach genial. Die Sonne zeigt sich irgendwie für eine Stunde und danach ist es eher wieder bewölkt. Abends gehe ich dann noch in eine Kneipe zum Fußball gucken. Ich gönne mir mal vorab einen Burger und denke, dass ich einen Nacho-Salsa-Burger mit Pommes bestellt habe, aber nein, die Nachos gab es noch zusätzlich zu den Pommes. Oha, verwundert bin ich vor allem, dass ich das dann noch alles aufesse J Wie gesagt, ab November ist strenge Diät angesagt! Beim Fußball setzt sich Patricia zu mir, sie kommt gebürtig von den Lofoten, lebt aber nun südlich von Oslo und hat auf den Lofoten ein Sommerhaus. Sie kennt sogar Bremen, weil sie Ahnen dort hatte, mit Namen Bollmann, da fällt mir doch mein Wanderweg Bollmannsveien in den Lyngen Alpen ein, wie klein ist eigentlich die Welt? Norwegen gewinnt knapp und ich habe unter all den Norwegern einen schönen Abend. Mein Norwegisch klappt immer ganz gut für einen Gesprächseinstieg, aber zur richtigen Konversation reicht das lange nicht. Patricia glänzte auch noch mit ein paar Deutschkenntnissen. Auf dem Nachhauseweg begleitet mich ein krasser Vollmond.
Wenn die Sonne scheint, dann ist es mittlerweile gut möglich sowohl Sonnenauf- als auch untergang zu sehen, so wie heute Morgen und gestern Abend J An der Kunstinstallation Trælvikosen könnte ich über`s Wasser gehen, das klappt bei Ebbe aber nicht ganz so eindrucksvoll. Für mich geht es heute in den Lomsdal-Visten Nationalpark. Ich fahre also nur kurz an der Küste entlang, bevor es ins Landesinnere geht. Warum betreibe ich nicht mehr Inselhopping? Das liegt eher an Ermangelung der Wandermöglichkeiten, aber es war auch nicht so einfach Infos über diesen Nationalpark herauszufinden. Eine Tour hatte ich mir früh herausgesucht, da es zu Beginn der Planungen eine potentielle Hüttenwanderung darstellte, wegen des kurzen Weges (6,5 Kilometer insgesamt) verzichtete ich darauf. Trotzdem ist die Wanderung heute als Adventure Tour abzustempeln. Es geht mal wieder durch das tiefste Fjell und den tiefsten Matsch, teils mit Bohlenwegen bzw. kleineren Brettern zugänglicher gemacht, zudem gibt es auch Plastikmatten (noch nie gesehen), da sieht man aber leider nie, wie tief man einsinkt. Irgendwann schwappt es von oben in die hohen Wanderschuhe. Also merke ich relativ schnell, dass ich demnächst einfach ALLES mitschleppen sollte, was ich besitze (Gamschen und Trekkingstöcke!), denn auch meine kleine Bachüberquerung wird mal wieder ein Abenteuer. Ich suche nach mehreren Stellen, um diesen zu queren, denn 30-40 cm Tiefe und rutschige Steine finde ich nicht so witzig, zudem ist die Strömung auch nicht ohne, klar, es würde nicht super viel passieren, aber ich könnte da auch baden gehen. Zwischenzeitlich will ich das sogar barfuß schaffen, aber das Wasser ist viel zu kalt und die Steine viel zu glitschig. Schon wieder ein Weg den ich nicht zu Ende gehe? Ich war schon auf dem Rückweg und sehe um eine Kurve dann doch noch eine Art Brücke, eher Wackelbrett, dann schaffe ich es rüber und gelange irgendwann zu einem See und der Hütte. Hier hätte ich sogar mit dem Ruderboot fahren können. Auf dem Rückweg schaffe ich es dann noch zweimal mich auf den Brettern hinzulegen, viele Grüße an das Kreuzbein, was mir mittlerweile nicht alles wehtut…mein Orthopäde freut sich vielleicht auf ein Wiedersehen?! Auch wenn es gerade nicht so klingen mag, ich hatte trotzdem eine schöne Wanderung und konnte die herbstliche Landschaft trotzdem genießen. Auf der Fahrt nach Süden passiere ich dann noch die Grenze zwischen Nord-Norge und Trøndelag – vi ses!
Dichter Nebel liegt am Samstag über dem Tal, es sind noch 200 Kilometer Fahrt bis Trondheim. Mit dieser Stadt und somit auch mit Norwegen bin ich erstmals 2009 in Kontakt gekommen, als ich meine Freundin Lisa besucht habe, die dort mit Erasmus Erfahrungen machen durfte. Zunächst fahre ich durch dichte und dunkle Wälder, im Anschluss entlang endloser Felder. Zum Glück wird das Wetter im Laufe des Tages immer besser. Mittags bin ich dann in der Stadt, ich parke am Wanderparkplatz in der Bymarka, die Campingplätze in der Nähe haben alle geschlossen und so bin ich am Sonntag direkt am Ort des Geschehens. Heute erkunde ich jedoch bei Sonnenschein die Stadt, gehe kurz am Dom vorbei, bevor ich durch den alten Teil Trondheims schlendere. In einem Second Shop hätte ich mir sogar zwei BVB Schals kaufen können J Schließlich besuche ich das Rockheim Musik Museum, dies war 2009 noch nicht errichtet und als ich 2022 hier war, hatte ich nur wenig Zeit, da mein Schiff der Hurtigruten mich weiter nach Norden brachte. Gut gefiel mir vor allem das Musikquiz (hier hatte ich nicht super große Chancen, da auch norwegische Künstler abgefragt wurden) und dass ich mir selbst einen Song mixen konnte. Am frühen Abend schleppe ich mich dann noch zu Fuß den Berg zum sogenannten Pizzatower hoch. Hier hat man einen fantastischen Rundumblick über die Stadt, denn der Turm dreht sich langsam, die einzige Schwierigkeit ist die Bar wiederzufinden, denn diese ist fest installiert :) Heute scheint wohl erst Vollmond zu sein und er ist noch viel größer als in den letzten Tagen.
Ich muss mich am Sonntag fast schon ein wenig zusammenreißen, denn ich bin ja sofort auf dem Wanderweg und bleibe noch etwas länger liegen. In 5 Wochen bin ich wieder Zuhause, das mag ich jetzt noch gar nicht glauben. Meine Fähre muss ich auch noch buchen und es gibt da einige Möglichkeiten, ob ich zum Beispiel direkt von Oslo nach Kiel fahre oder über Dänemark. Egal, das erledige ich später. Nun heißt es ein „altes Trauma“ zu überwinden, nein Scherz! Mit Lisa war ich damals hier unterwegs und wir wollten zur Studenterhytta wandern und haben uns dabei im Wald verlaufen. In meiner Erinnerung wurde es nachmittags um 16 Uhr bereits dunkel (aber es war Anfang Oktober und somit kann das nicht stimmen). Allerdings fing es bei dieser Tour an zu schneien. Das erwartete mich heute nicht, denn die Sonne schien und es wurde sogar richtig warm. Ich kann auch noch gut nachvollziehen, warum wir uns damals verlaufen haben, denn es gibt in der Bymarka unendlich viele sich kreuzende Wege und vieles verschwindet im dichten Tannenwald. Heute hatte ich zum Glück mein Handy stets griffbereit, um den Weg noch einmal zu checken. In der Nähe der Hütte befand sich außerdem ein Berg, der 552 Meter hohe Gråkallen wollte natürlich bestiegen werden und so hatte ich auch noch einen tollen Ausblick über Trondheim bevor ich einen erfolgreichen Abstecher zur Hütte machte. Nach Nach 3,5 Stunden und ca. 12-13 Kilometer ging es dann weiter nach Oppdal.
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Geschafft!!! 😆