Das Wetter sieht am 07.10. gar nicht so verkehrt aus, immerhin kann ich sogar noch einige Gipfel meines gegenüberliegenden Gletschers sehen. Meine angedachte Tour auf den Lihesten habe ich mir aus dem Kopf geschlagen, eine schwarze Tour nach dem Regen der letzten Tage ist einfach nicht machbar, mal davon abgesehen, dass ich ungerne schwarze Touren gehen, da diese entweder als superlang (alles um die bzw. ab 20 Kilometer) oder auch als ausgesetzt (Schwindelfreiheit unbedingt erwartet) oder nicht markiert ausgewiesen werden. So sitze ich heute fast 250 Kilometer im Auto, um nach Bergen zu kommen. Ich fahre an vielen Wasserfällen vorbei und passiere unzählige Tunnel, die sind teils so lang, dass man hier nicht wirklich feststecken möchte, sonst würde sich ggfs. eine kleine Wanderung von zum Beispiel 8 Kilometern anschließen, um aus dem Tunnel wieder herauszukommen. Eine kleine Abwechslung bietet eine kurze Fährüberfahrt, während ich kurz danach einen Schlenker über Dale einlege. Hier ist das Outlet einer berühmten Strickwarenfabrik. Die 50 Kilometer führen mich über Baustellen, durch weitere Tunnel und entlang einer einspurigen Straße. Ich brauche noch nicht einmal wandern zu gehen, bereits hier komme ich ins Schwitzen. Leider werde ich im Outlet nicht fündig und ich fahre nach Bergen. Wie praktisch, dass der Campingplatz in der Nähe von IKEA ist, sodass ich hier das Mittagsmenü, leider nicht zum „Medlemspris“ genießen kann. An der Kasse bringe ich den Mitarbeiter zum Lachen als er nach meiner Mitgliederkarte fragt und ich entgegne, ob auch die aus Deutschland ausreicht. Immerhin bekomme ich auf dem Campingplatz einen Rabatt, weil ich den scheinbar auch beim letzten Mal hatte und so hetzte ich nachmittags nicht mehr in die 11 Kilometer entfernte Stadt, sondern vertreibe mir die Zeit vor meinem Norwegischkurs.
Bereits um kurz vor 8 Uhr stehe ich am Donnerstag an der Bushaltestelle parat, je nach Bus brauche ich 20-45 Minuten, um in die Innenstadt zu kommen. Um 9 Uhr fahre ich mit der Bahn auf den 320 Meter hohen Fløyen. Hier habe ich bereits einen guten Ausblick über die Stadt, aber das kann es natürlich heute nicht gewesen sein, denn das Wetter sieht bereits morgens schon vielversprechend aus, es scheint die Sonne! Ich laufe heute, wie auch bereits im letzten Jahr vor Ostern, zum 13 Kilometer entfernten Ulriken. Der Weg führt mich zunächst durch einen verwunschenen Wald, bevor es auf einer Schotterstraße weiter nach oben geht und ich immer wieder neue Ausblicke auf die Stadt genießen kann. Wie blöd, dass ich meine Sonnenbrille vergessen habe und so sehe ich manchmal gar nicht so viel, weil ich gegen die Sonne laufe. Irgendwann zieht der Nebel aber noch einmal durch und es wird wenig später wieder einmal kletterig und steil, bevor ich auf der Hochebene ankomme. Hier geht es über rutschige Felsen, in Bergen hat es am Montag so viel geregnet, wie sonst in einem ganzen Jahr, also kann das eine heitere Wandertour werden. Den Weg hatte ich gar nicht mehr so anstrengend in Erinnerung, liegt vielleicht auch daran, dass heute scheinbar Wandertag ist?! Es ist sehr viel los, Jogger kommen mir entgegen, die dann teilweise auch noch dabei telefonieren, dann haben sich die Bergenser wahrscheinlich einen freien Tag wegen des schönen Wetters genommen oder ihr Homeoffice auf den Berg verlegt. Ich bin ganz froh, als ich nach 13 Kilometern den Ulriken bzw. die Gondelstation erreiche und stärke mich mit Kaffee und Skillingsboller (Bergens Zimtschnecke, die so heißt, weil sie früher einen Schilling kostete – lang ist es her). Ich nehme im Anschluss die Gondel anstatt dann die Sherpatreppen hinunterzukriechen. Ich schaue noch kurz beim DNT Wanderverein vorbei, um mich mit ein paar neuen Karten einzudecken. Meinen Mitgliederausweis will man hier gar nicht sehen. Ich scheine ziemlich glaubhaft mit meiner dreckverkrusteten Hosenbeinen. Abends weiß ich mal wieder, was ich geleistet habe.
Obwohl das Schiff, mit dem ich heute durch Bergens Fjorde cruisen werde, erst um 11 Uhr ablegt, bin ich natürlich früh auf den Beinen. Die schaffen es sogar noch dem Bus hinterher zu sprinten :) Ich schlendere zunächst noch durch den alten Teil Bergens (Brygge) und muss mich noch einer Krähenattacke auf mein Wienerbrød erwehren – zum Glück erfolgreich. Auf der Fahrt durch die Fjorde ist das Ziel Mo, da bin ich gestern mit dem Auto vorbeigefahren und konnte mich wegen der einspurigen Straße gar nicht auf die Landschaft konzentrieren, dafür aber jetzt. Ich finde es immer ganz schön die Perspektive zu ändern, nun habe ich den Blick nicht von den Berggipfeln, sondern vom Wasser aus. Zudem ist die Schiffstour auch ganz informativ und ich erfahre, dass Bergen 250 Regentage im Jahr hat, kein Wunder, dass gestern Wandertag war. Der Sognefjord, an dem ich vorgestern noch stand, ist übrigens 1,3 Kilometer tief! Also sind die Berge hier in der Region oft kleiner als die Fjorde tief sind. Dafür, dass es mittags regnen sollte, hält sich das Wetter erstaunlich gut bis zum späten Nachmittag. Ich gehe nach der Schiffsfahrt noch gezielt in einen Second Hand Shop, denn hier gibt es häufig Norweger Pullis zu erschwinglicheren Preisen. Bin etwas enttäuscht als ich nur einen sehe, der vor dem Laden hängt. Auf meine Nachfrage, ob es denn da noch weitere gibt, habe ich in Enok meinen Meister gefunden. Ich erfahre, dass er 2000 Norweger Pullis in seinem Ladenkeller hat, davon bringt er mir erst 5 und später bestimmt 8 zur Anprobe. Hinter jedem Pulli kann er zudem eine Geschichte erzählen und er weiß oft, ob diese zum Weltcup oder zu Olympischen Spielen herausgebracht wurden. Er präsentiert mir teils Pullis aus den 70er Jahren und als er mir den Pulli von Lillehammer 94 zeigt, ist es bei mir vorbei. Ich entgegne, dass es gut der Pulli von Ole Einar Bjørndalen sein könnte, woraufhin er meint, dass er dann noch einmal seine Preisstrukturen überdenken müsste. Er bietet mir dann noch einen Kaffee an und es stellt sich heraus, dass er deutsch in der Schule gelernt hat und so schnacken wir im Dreisprachenmix über alles Mögliche während wir Kaffeetrinken und ich Pullis anprobiere. Im Anschluss muss ich noch was essen, bevor ich dann noch zum Campingplatz fahre, eine Taschenaufbewahrung gibt es am Stadion nicht. Leider erwische ich den Schnellbus und fahre gut 10 Minuten zu weit, um dann wieder zurückzufahren, was für ein Akt. Beim Fußball sitze ich heute mal auf einem festen Sitzplatz, in Tromsø und Bodø konnte ich mir diesen aussuchen. Ich sitze, wie ich von meinem Nachbarn erfahre, neben dem freien Platz, der für den Trainer reserviert ist, wenn der „rot“ sieht. Heute ist Vestland Derby Bergen (Brann) spielt gegen Stavanger (Viking) und Bergen verliert mit 80% Ballbesitz das Spiel 0:2, obwohl sie auch noch 50 Minuten in Überzahl spielen. Die Zuschauerzahl (17800) ist für meine norwegischen Verhältnisse mittlerweile rekordverdächtig. Rekordverdächtig ist auch meine Rückreise, es gibt keine Sonderbahn oder –busse nach dem Spiel. Was für eine Katastrophe, es regnet in Strömen und ich schaffe es noch mich in die zweite Bahn zu quetschen. Die Bergenser nehmen das mit stoischer Gelassenheit hin und scrollen durch ihre Handys. Mein Nachbar ruft gerade Batmann an, ich muss schmunzeln. Am Busbahnhof muss ich wegen der späten Bahn noch 45 Minuten auf meinen Bus warten. Demnächst geht es wieder zu Fuß oder mit dem Fahrrad zum Stadion.
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Kommentare
Da bin ich gespannt auf den Pulli. :D